Kratzer auf der Frontlinse

Schnell ist es passiert und der Schrecken ist groß! Die Kamera hängt um die Schulter, man dreht sich schnell um und zack trifft das Objektiv einen Gegenstand. Mit allem Pech erwischt es die Frontlinse. Die erste Frage, die durch den Kopf schießt ist: "Was kostet das bloß wieder..."

Sicherlich ist der Wechsel einer Frontlinse nicht günstig. Beim EF 85mm f/1.2L II USM liegt der Preis für das Austauschen bei ca. 270,00 €, beim EF 24-70mm f/2.8L II USM schon bei 325,00 € und beim EF 70-200mm f/2.8L IS II USM bei stolzen 400,00 €. Alle Preise verstehen sich inkl. Arbeitslohn, Ersatzteile und Mehrwertsteuer. Die Preisunterschiede ergeben sich natürlich aufgrund der Linsengröße und der Arbeitszeit, die für den Wechsel nötig ist. Beim EF 70-200mm f/2.8L IS II USM besteht die Frontlinse aus einer Linsengruppe, die aus 3 Gläsern besteht und nur komplett gewechselt werden kann.

 

Wo liegt der Kratzer und wie tief ist er?

Bestenfalls verdaut man erstmal den Schock, denn Kratzer ist nicht gleich Kratzer. Es gibt wiedermal viele Variablen! Wo liegt der Kratzer? Wie lang ist er und vor allem wie tief ist er?

Ein Kratzer ganz am Außenrand des Objektivs ist in der Regel kein großes Problem (in Abhängigkeit der anderen 2 Variablen). Er liegt in der Regel nicht im Autofokus-Messbereich und Streulicht ist vernachlässigbar geringt. Zumindest lässt sich das aus meinen bisherigen Erfahrungen ableiten. Diese zeigen, dass ein Kratzer im Außenbereich bislang noch nie im Bild sichtbar war.

Zur Länge des Kratzers muss ich wohl nicht viel schreiben, denn je kürzer dieser ist, desto besser ;-) Je länger er ist, desto mehr Streulicht kann er verursachen und desto mehr kann er den Autofokus der Kamera verwirren oder behindern.

Ein sehr wichtiger Punkt ist allerdings wie tief der Kratzer ist, denn man muss dort unterscheiden, ob nur ein ganz haarfeiner Kratzer in der Vergütung der Frontlinse vorliegt oder ob es ein tiefer Kratzer ist, der sich richtig ins Glas gebohrt hat. Ich teste dies ganz simpel und vorsichtig mit dem Fingernagel. Ich fahre ganz sanft mit dem Fingernagel über die Stelle und bleibt dieser hängen, so kann man klar davon ausgehen, dass der Kratzer tief im Glas ist. Es gibt allerdings auch die Situation, wo man einen Kratzer sieht, aber dieser hat nur die Vergütung der Linse erwischt.

Das Bild zeigt einen ganz kleinen, haarfeinen Kratzer auf einer Frontlinse eines EF 70-200mm f/2.8L IS II USM-Objektivs. Wohlgemerkt, das Bild wurde mit einem EF 100mm f/2.8L Macro IS USM , Stativ und Beleuchtung gemacht, um diesen kleinen Kratzer überhaupt einzufangen. Wirklich sichtbar ist er generell nur bei einem bestimmten Winkel.

Wenn Sie dort mit dem Finger drüberfahren, spüren Sie nichts. Sie können noch nicht mal mit dem Fingernagel etwas feststellen (Achtung!: nicht mit dem Fingernagel so fest es geht über die Linse fahren, sondern nur ganz ganz leicht und sanft!)

Es liegt also mit sehr sehr großer Wahrscheinlichkeit kein Kratzer in dem Glas vor, sondern die Vergütung der Linse ist angekratzt. Bei der Lichtdurchdringung der Glaslinsen entstehen Verluste durch Lichtreflexionen an der Oberfläche, einer Adsorption des Lichtes innerhalb des Materials und einer Reflektion an der Lichtaustrittfläche. Mit Hilfe von Nano-Vergütungsschichten können diese Reflexionen sowie die Adsorption auf ein Minimum reduziert werden.

 

Kann man den Kratzer entfernen?

Kurze Antwort: Leider nein! Es gibt keine Möglichkeit den Kratzer weg zu polieren oder anderweitig zu entfernen.
Doch merkt man einen solchen Makel überhaupt in der Praxis?

 

Beispiel aus der Praxis

Gott sei Dank hatte ich bisher noch keine vollständig zerstörte Frontlinse, aber im Blog von Lensrentals.com gibt es einen interessanten Artikel zu diesem Thema.

Dabei gibt es erstmal 2 Bilder zu sehen, wo man erstmal denkt: "Naja, die Schärfe lässt zu wünschen übrig und der Kontrast hat auch so seine Probleme. Die Linse sollte vielleicht mal justiert werden." Sieht man dann aber das Bild der Linse, so ist man erstmal geschockt und zugleich überrascht. Die Frontlinse des Objektivs hat einen Einschlag direkt in der Mitte erlitten und ist dann mehrfach nach außen hin zersprungen. Wirkliche Defizite zeigt das Objektiv erst bei Gegenlicht und wenn man abblendet. Dann sieht man die kleinen Regenbögen, Verzerrungen und die Unschärfe der Linse. Hauptproblem ist allerdings, dass der Autofokus dann kaum oder überhaupt nicht mehr arbeitet. Die Messung der Kamera ist dann einfach nicht mehr möglich.

Wer sich die Bilder mal ansehen möchte, klickt hier: http://www.lensrentals.com/blog/2008/10/front-element-scratches

 

Fazit

Ein Kratzer in der Frontlinse ist oftmals kein Beinbruch und auch meist kein Grund zur Sorge. Wenn ich Ihnen 2 baugleiche Linsen geben würde - eine mit einem leichten Kratzer und eine ohne - so würden Sie in einem Praxistest anhand der Bilder wahrscheinlich nicht sagen können, welche Linse den Makel hat.

Für mich als Verleiher ist dies natürlich immer eine schwierige Sache und ich nehme mir dann viel Zeit, um die Linse zu begutachten und zu testen. Den Kratzer zu beurteilen ist schnell getan, aber die Testbilder sind wesentlich wichtiger und daher wird abgeblendet, gegen das Licht fotografiert und vieles mehr, um wohl doch einen Fehler im Bild zu finden. Meist macht man sich aber dann selbst verrückt und sieht Dinge im Bild, die eigentlich nichts sind oder nicht in diesem Zusammenhang stehen. Manchmal muss man auch mal entspannt bleiben, denn solange es kein tiefer, breiter Kratzer direkt über der Mitte der Frontlinse ist, ist es in der Regel halb so schlimm ;-)

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